Heldin des Alltags: Martina Schlumpf

[ Heldinnen-Porträt Dezember 2021 ]


[ intrinsic Campus I Interview am 16.11.2021 ]



Heldinnen-Affirmation:


Entdecke das Kind (in dir) und lass dich begeistern.

Finde heraus, was Begeisterung bei dir auslöst, wie und wobei du aus eigenem Antrieb und mit Freude lernst. Gib dir Raum, deine eigenen Erfahrungen zu machen, spielerisch zu entdecken und wie Kinder das Leben zu erleben: präsent im Augenblick.


 

Martina kenne ich seit ihren (ehemaligen) Zeiten bei euforia – einer Schweizer NGO (Non-Governmental Organization) und Community an Changemakers. euforia befähigt Menschen (insbesondere Jugendliche und junge Erwachsene) durch non-formale Bildungsprogramme und transformative Lernmethoden, sich auf ihren eigenen Weg in Richtung Changemaking zu begeben. Martina war zum Zeitpunkt unseres Kennenlernens im Programmdesign und -moderation, im Fundraising sowie im Community Building tätig. So war sie auch zuständig für die Share and Grow-Nights, bei denen Menschen aus dem euforia-Netzwerk, Wissen, Fähigkeiten und Denkanstösse mit anderen teilen. In diesem Zusammenhang habe ich die drei-teilige Share & Grow-Reihe «Leben im Flow» konzipiert und mit einer Gruppe von 11 Teilnehmenden im sommerlichen Züriwald durchgeführt. Da Martina und mich mehr als ein Faden verbindet und wir aus ganz ähnlicher Motivation heraus tätig sind, wie wir im Laufe des Gesprächs festgestellt haben (einfach in unterschiedlichen Kontexten), war es nur eine Frage der Zeit, bis sich unsere Wege wieder kreuzen.

Begeistern, Begegnen und Bewegen... diese Themen klingen bei Martina bei allem mit, was sie tut. Ihre Heldinnenessenz ist geprägt von transformativer und kollaborativer Kraft. Sie begleitet, gestaltet und hält Raum, gibt Impulse und ist sich bewusst, dass die innere Haltung das (Resonanz-)Feld mitgestaltet.


Liebe Martina, wir haben uns im Rahmen meiner euforischen Share & Grow-Reihe kennengelernt. Wenn ich mir deine Lebenslinie so anschaue, dann passt das Motto dieser Reihe «Leben im Flow» auch zu deinem Leben: Gestartet bist du in der Kommunikationsbranche, hast bei der NGO euforia in verschiedenen Aufgabenbereichen gewirkt, warst dann im HR (Human Ressources)-Bereich tätig und stehst nun so gut wie am Ende der Ausbildungszeit als Lernbegleiterin beim intrinsic Campus beziehungsweise so gut wie am Start für das berufsbegleitende Studium als Lehrperson an der PH (Pädagogische Hochschule). Was ist für dich der rote Faden bei allem?

Ich möchte – und wollte schon immer – mit dem, was ich tue, die Gesellschaft mitgestalten und meinen Teil dazu beitragen, dass sich ein Wandel vollzieht. Mein Kommunikationsstudium und die ersten Berufserfahrungen in dieser Branche haben dafür eine wunderbare Grundlage gelegt und mir Kommunikationsbasics ebenso wie das Mediensystem und die zu Grunde liegenden Gesellschaftsstrukturen bewusst gemacht. Gleichzeitig haben mir gerade die praktischen Erfahrungen noch einmal deutlich vor Augen geführt, dass ich mit meinem Job nicht die Partikular-Interessen von Unternehmen vorantreiben und unterstützen, sondern mich für einen gesellschaftlichen Wandel im Sinne aller engagieren möchte. Daher dann mein Weg zu euforia und letztlich die Entscheidung für die Ausbildung zur Lernbegleiterin beim intrinsic Campus.

Ein weiterer grundlegender Pfeiler bei all meinen Tätigkeiten ist es, in Begegnung mit Menschen zu kommen und das Miteinander von Mensch zu Mensch ins Zentrum zu stellen.


Der Mensch im Zentrum. Mir fiel beim Vorbereiten bereits auf, dass all deine bisherigen Tätigkeiten mit Menschen zu tun hatten. Ausserdem kam mir das Stichwort «begeistern (wollen)» in den Sinn. Genau dies steht auch bei der Ausbildung zur Lernbegleiterin beim intrinsic Campus im Vordergrund, bei der eine Lernkultur der intrinsischen (= aus eigenem Antrieb) Motivation geschaffen und gefördert wird. Warum braucht es deiner Meinung nach einen Wandel im Schulsystem?

Unser aktuelles Schulsystem hatte lange Zeit seine Berechtigung, entspricht aber meiner Meinung nach nicht mehr der heutigen Zeit – was auch die wissenschaftlichen Erkenntnisse seit Jahren belegen. In Zukunft sind andere Strukturen und vor allem Kompetenzen gefragt als die, welche aktuell in der Schule vermittelt werden. Im bestehenden Schulsystem ändert sich aber momentan zu wenig und Änderungen passieren zu wenig schnell. Im Rahmen der Lernbegleiter:innen- Ausbildung bei intrinsic möchten alle Teilnehmenden ausserhalb des aktuellen Systems eine neue Lernkultur ausprobieren. Für mich macht es Sinn, bei den Lehrpersonen anzusetzen, da sie ein wichtiger Hebel sind, um einen Wandel anzustossen. Durch unsere Haltung und die Art und Weise, wie wir den Kindern begegnen, können wir (zukünftige) Lehrpersonen nämlich das Verständnis von Schule und das bestehende Schulsystem mitverändern.


Was für eine andere Kultur würdest du denn im Schulsystem gern sehen?

Ich wünsche mir Schulen, in denen Kinder stärker aufbauend auf individuellen Interessen und in ihrem eigenen Tempo lernen können und sich das Lernen mehr am Entwicklungsstand des jeweiligen Kinds orientiert. Ich wünsche mir Schulen, die Raum geben und diesen Raum halten, damit Kinder ihre eigenen Erfahrungen machen können, sich ausprobieren und herausfinden, welchen Platz sie selbst in der Gesellschaft einnehmen möchten. Ich wünsche mir, dass Schulen selbstständige und verantwortungsvolle junge Menschen ins Leben entlassen, die der Welt und der Gesellschaft begegnen mit der Haltung «Ich kann etwas verändern», mit Gestaltungswillen und mit dem Selbstbewusstsein, mit ihren Fähigkeiten etwas bewirken zu können.


Der Wandel als roter Faden zieht sich in der Tat bei dir durch. Wenn ich mir das aktuelle Schulsystem betrachte, dann gibt es da so einiges, was die Schule von heute dazulernen darf, um zur Schule der Zukunft zu werden.

Was hast du persönlich im Laufe der letzten Jahre beim intrinsic Campus für dich an Lernerfahrungen sammeln dürfen?

Das waren auch so einige. Was mir jedoch besonders im Gedächtnis ist, ist der Fokus auf die individuelle Persönlichkeitsentwicklung. Statt didaktischer Methoden haben wir uns zunächst vertieft mit der Frage auseinandergesetzt «Welche Art von Lehrperson möchte ich sein und welcher Art von Lernkultur kann ich mit meinen individuellen Fähigkeiten Raum geben?». In Verbindung mit der engen Verzahnung von Theorie und Praxis konnte ich dadurch Klarheit finden, welcher Weg für mich authentisch und stimmig ist.

Die praktischen Erfahrungen und Einblicke in den verschiedenen Schulen (privat wie öffentlich), bei denen ich im Laufe der Ausbildung tätig war, haben mir ausserdem sehr viel Handwerkszeug mitgegeben und das Vertrauen in meine eigenen Fähigkeiten und meinen persönlichen Lernbegleiterinnen-Weg gestärkt.

Mir wurde einmal mehr bewusst, wie wertvoll es ist, vertrauensvolle Räume zu schaffen, in denen Kinder das Lernen selbst in die Hand nehmen können. Es gibt (fast) nichts Schöneres als die funkelnden Augen eines Kinds, das sich eine Fähigkeit oder neues Wissen selbst erarbeitet hat und zutiefst stolz darauf ist, weil es dies aus eigenem Antrieb und aus eigenen Kräften erreicht hat.


Eigenverantwortliches und intrinsisches Lernen ist also etwas, dem Schulen mehr Raum einräumen sollten. Was sind für dich weitere Zukunftskompetenzen, die erlernt beziehungsweise gestärkt werden sollten?

Das 4K-Modell des Lernens* zeigt meiner Ansicht nach wunderbar, welche vier Kernkompetenzen für die Zukunft gefragt sind: Kommunikation, Kollaboration, Kreativität und kritisches Denken. Auch im «Future of Jobs» Report des World Economic Forum sind Kompetenzen beschrieben, die in (sehr naher!) Zukunft essentiell sein werden. Nebst den 4Ks sind dort unter anderem komplexes Problemlösen, Resilienz oder Technogieeinsatz beschrieben.

*(Anm.: Das 4K-Modell stammt von der amerikanischen Non-Profit-Organization Partnership for 21st Century Learning – P21 – und basiert auf vier Kompetenzen, welche für Lernende im 21. Jahrhundert von zentraler Bedeutung sind).


Als Radical Collaboration Trainerin ist die Kompetenz Kollaboration sicher besonders bei dir ausgeprägt. Wobei durch dein Studium natürlich auch das Thema Kommunikation hoch im Kurs steht. Gibt es eine Kompetenz, die bei dir aktuell stärker präsent ist?

Das hängt ganz vom jeweiligen Tag und der Tätigkeit ab, in der ich mich gerade befinde. Heute ist der Tag geprägt von Kreativität, weil ich heute Morgen von Kindergartenkindern umgeben war und sich gerade viel um Basteln und Theaterspielen dreht. Unabhängig davon spielen aber alle Kompetenzen in irgendeiner Form in meinem Alltag eine Rolle; sei es die Fähigkeit, ehrlich und wertschätzend kommunizieren zu können, im Team kollaborativ zusammenzuarbeiten oder kritisch bestimmte Dinge zu hinterfragen. Letztlich braucht es alle dieser Kompetenzen – und noch einige mehr.


Und wenn ich diese Kompetenzen nun bei mir selbst stärken möchte – was würdest du sagen hilft, um diese bei sich auszubauen?

Meiner Erfahrung nach sind es vor allem erfahrungsbasierte Ansätze, die solche Kompetenzen stärken. Sei es durch Rollenspiele oder Workshops, die diese Kompetenzen mit Übungen und praktischen Methoden erlebbar machen, dann eine Reflexion zu den eigenen Erfahrungen anstossen und mittels der Erkenntnisse eine Brücke zum Alltag schlagen. Die Radical Collaboration Methode ist nur eine dieser Methoden, die wir bei euforia verwendet haben. Kolleg:innen aus dem intrinsic campus wiederum haben beispielsweise einen «Play-Shop» (Work-Shop für Kinder) konzipiert, bei dem sie sich spielerisch an diesen Kompetenzen ausprobieren können.

Mein persönlicher Zugang, um mich mit Kompetenzen auseinanderzusetzen, sind nebst den Erfahrungen im Praxisalltag und der Reflexion mit Mitstudierenden sowie Mitarbeitenden auch Bücher.


«Play-Shop» – genial. Sollte es das mal für «grosse Kinder» geben, bin ich sofort dabei. Spielerisch Zugänge schaffen ist sowieso etwas, das viel zu kurz kommt in unserer heutigen, rationalen Welt. Da verbindet sich der rote Faden dann auch wieder zu euforia, bei dem mir die spielerische Herangehensweise und die vielen «Energizer» zwischendurch noch lebhaft in Erinnerung sind.

So oder so geht bei mir vieles in Resonanz von dem, was du gerade zum Thema Schulwandel und Zukunftskompetenzen beschrieben hast.


In Resonanz gehen... das hat bei dir noch eine andere Konnotation: Du bist seit langen Jahren engagiert bei der Klangwelt Toggenburg, bist Präsidentin vom Förderverein und Stiftungsratmitglied, und warst Co-Gründerin und Projektmanagerin des Projekts «Klang und Stille». Wieso hat dieser Bereich bei dir angeklungen?

In dieser Klangwelt bin ich aufgewachsen: Ich bin in einem Ort im Toggenburg gross geworden, in dem Klangkultur schon von jeher stark verankert ist und der Naturjodel zum Kulturgut zählt. Die darin verankerte Naturtönigkeit ist universell und berührt mich (und auch andere) wohl deshalb so stark, weil Naturgesetze in allen Dimensionen unseres Lebens vorkommen und wir uns durch den Naturklang tief damit verbunden fühlen. Für mich persönlich schwingt natürlich auch Heimat in diesen Klängen mit und bringt mich in Verbindung mit meinen eigenen Wurzeln. Das war zwar nicht immer so, als Kind fand ich das Jodeln nicht so prickelnd. Aber mit dem Älterwerden und mit mehr Distanz – ich wohne seit einigen Jahren nicht mehr im Toggenburg und habe mehrmals längere Zeit im Ausland verbracht – habe ich einen anderen Blick auf meine Heimatregion bekommen und damit auch eine andere Beziehung zur heimischen Kultur.


Beim Projekt «Klang und Stille» ging es um Klingen und Verklingen, die Stille zwischen den Klängen ebenso wie um Still Werden und Still Sein. Just das beschäftigt mich gerade im Rahmen meines Buchprojekts «Zyklisch I Kraftvoll I Leben». Insofern klingt das bei mir momentan besonders an.

Inwiefern erfährt die Polarität von Klang und Stille Resonanz in deinem Leben – was schwingt bei dir mit zu diesem Thema?

Klang und Stille begleiten mich im Schulalltag tagtäglich. Vom Klang, Tönen, Trubel, Lärm und Spielen mit den Kindern in die Stille zu kommen und sie zum «Runterfahren» zu bewegen – diese Balance fällt nicht immer leicht. Und trotzdem ist es mir wichtig, ihnen diese Grundhaltung und das Ausbalancieren dieser beiden Pole mitzugeben.

Meine eigene Haltung und Tagesverfassung spielt in diesem Zusammenhang eine enorme Rolle und hat Auswirkung auf die Stimmung in der Klasse. Insofern gestalte ich das Resonanzfeld durch das, was ich hineingebe, mit.


Das stelle ich mir anspruchsvoll vor – in die Stille kommen mit einem Haufen Kindergartenkinder ... wie gelingt das?

Naja, mal gelingt das besser, mal weniger gut. Geschichten sind immer ein gutes Vehikel, um mit den Kindern in die Ruhe zu kommen. Oder Erzählungen und Traumreisen, die alle Sinne ansprechen. Manchmal versuche ich auch, sie bewusst ans Thema Achtsamkeit heranzuführen, ihre Neugier zu wecken.

Begeisterung ist ausserdem ein wunderbares Mittel, positiv Spannung entstehen zu lassen und die Aufmerksamkeit in den Bann zu ziehen.


Das geht Erwachsenen ja nicht anders. Auch wir haben Mühe in die Ruhe zu kommen und mal für einen Augenblick still zu werden. Sich begeistern lassen sich hingegen wohl alle gern, gross und klein.


Um nochmal aufs Klingen zurückzukommen. Was in deinem Leben klingt bei dir nach, auch wenn es bereits verklungen ist?

Meine Zeit und meine Erfahrungen bei euforia sind nach wie vor extrem präsent. Zum einen sind die Beziehungen zu meinen damaligen Teamkolleg:innen, aber auch zu Volunteers aus der Community, nach wie vor da – und leben immer mal wieder auf, wie jetzt das Beispiel mit dir zeigt. Auch die verschiedenen Methoden und Tools, die ich dank euforia gelernt, praktiziert und im Rahmen von Trainings weitergeben durfte, habe ich in meinem Rucksack stets dabei.

Zum anderen ist es dieses Gefühl von Selbstwirksamkeit, das aus euforia-Zeiten bei mir nachklingt. In meinem eigenen Leben, aber insbesondere auch die Erfahrung, wenn andere bei Workshops von euforia das AHA-Erlebnis hatten, was für Potential sie eigentlich in sich tragen, damit dann aktiv werden und ins selbstwirksame Gestalten unserer Gesellschaft kommen. Diese AHA-Momente und den Entdecker:innengeist für das eigene Leben braucht es meiner Meinung nach schon viel früher als mit 20 oder 25 Jahren. Genau aus diesem Grund möchte ich mit Kindern, in der Schule etwas bewegen. Denn das passiert im aktuellen Schulsystem nicht bzw. zu wenig.


euforia schwingt also nachhaltig bei dir mit und hat dich letztlich zu dem geführt, was du aktuell tust. So unterschiedlich die verschiedenen Bereiche sein mögen, in denen du bisher tätig warst, so zieht sich der rote Faden doch durch.

Gibt es auch etwas, was du gerne verklingen lassen möchtest – oder wofür du neuen Resonanzraum in deinem Leben schaffen willst?

Sang- und klanglos verschwinden dürfte das Existenzthema. Gefühlt beschäftigt mich immer wieder, wie ich mein Leben mit dem finanzieren kann, wofür ich mich engagiere. An sich messe ich Geld keine grosse Bedeutung bei, aber es ist trotzdem oft ein Thema bei mir. Mir nicht immer Gedanken um die finanzielle Grundlage für mein Leben machen zu müssen, würde Entspannung bringen.

Stärkeren Resonanzboden möchte ich dem Ur-Vertrauen ins Leben geben, inneren Unsicherheiten vermehrt mit der Haltung «es kommt gut» begegnen können und klar auf dem Herzensweg bleiben.


Auf dem Herzensweg bleiben können – darum geht es ja beim Heldinnen-Narrativ. Wie machst du das?

Um dem Herzensweg zu folgen, braucht es mehr Intuition, weniger Verstand. Das gelingt mir, indem ich Momente von Ruhe und Achtsamkeit pflege – still werde, davon hatten wir es bereits. Auch weniger medial zu konsumieren und kreativ und schöpferisch tätig zu sein, unterstützt mich meinen Herzensweg zu spüren. Und wie könnte es anders sein: Mit Kindern zusammen sein und mich von ihrer Unbekümmertheit anstecken lassen. Ins Spielerische kommen und voll und ganz präsent sein.


Kinder finden Held:innen in der Regel klasse, bewundern deren Superkräfte und wünschen sich selbst solche aussergewöhnlichen Fähigkeiten. Was verbindest du mit dem Heldinnen-Begriff?