Heldin des Alltags: Nicole Stadler

[ Heldinnen-Porträt Juli 2022 ]


[ Die Minervas I Nicole Stadler I Interview am 20.06.2022 ]



Heldinnen-Affirmation:


Sei du selbst. Und werde sichtbar damit.

Verbinde dich mit dem, wofür du stehst und was dir wichtig ist und zeige im wahrsten Sinne des Wortes Gesicht. Lass deine Ansprüche an Perfektion los und geh es spielerisch an.

 

Durch die Themen Sichtbarkeit und Instagram wurde ich dank Milena Kyburz auf Nicole aufmerksam. Auch wenn ich mich persönlich von Insta als Social Media Plattform verabschiedet habe, so entspricht mir Nicoles Herzens-Motivation doch sehr: Frauen ermutigen, sich zu zeigen und mit ihren Fähigkeiten sichtbar zu werden.

Nicole wirkt für mich sehr authentisch mit dem, was sie sagt, als Person ausdrückt und in ihrem Business tut. Aufrichtig, echt und aus dem Herzen heraus. Verbunden mit einer gesunden Portion Pragmatismus, intuitivem Gespür und ihrer Fähigkeit, Prozessen den nötigen Raum zuzugestehen, damit sie sich entwickeln und ausreifen können, macht dies für mich ihre Heldinnenkraft aus.



Liebe Nicole, du bist insbesondere mit einem Thema sehr präsent: «Sichtbarkeit», genauer gesagt: authentische Sichtbarkeit. Was bedeutet das für dich – authentisch sichtbar sein?

Darunter verstehe ich vor allem, von innen nach aussen zu kommunizieren. Sich also zunächst selbst zu fragen: «Wofür stehe ich? Was sind meine Werte und Botschaften?» und sich immer wieder damit zu verbinden. Und dies durch die Kommunikation dann stimmig nach aussen zu tragen.


Nun ist Sichtbarkeit meiner Erfahrung nach bei vielen Frauen ein Thema, mit dem sie Mühe haben. Woran könnte es deiner Meinung nach liegen, dass Frauen nicht gern in der Öffentlichkeit auftreten?

Das erlebe ich in meinen Kursen ähnlich: Persönlich sichtbar zu werden ist für viele Frauen eine Hemmschwelle. Sie haben zwar oft kein Problem, Themen kommunikativ zu inszenieren. Aber wenn es darum geht, sich als Mensch zu zeigen und das eigene Thema mit einem Foto von sich zu veröffentlichen, sind sie oft weniger dazu bereit. Dabei sind es Menschen, die Themen einzigartig machen. Daher ist es auch so wichtig, «Gesicht» zu zeigen. Selbst wenn dies zunächst Überwindung kostet.


[ Nicht sichtbar sein – das ist unter anderem historisch begründet. ]

Warum derart starke Hemmungen bei Frauen vorhanden sind, hat sicherlich vielfältige Gründe und lässt sich nicht abschliessend begründen. Aufgrund meines Hintergrunds als Historikerin sehe ich aber einen Zusammenhang mit geschichtlichen Ursachen: Frauen waren in den letzten Jahrhunderten, wenn nicht gar Jahrtausenden, kaum sichtbar in der Gesellschaft. So etwas prägt das «kollektive Gedächtnis». Ausserdem haben Frauen dadurch weniger Vorbilder, an denen sie sich orientieren könnten. Für Männer ist es vermutlich leichter, die Bühne des Lebens für sich einzunehmen – schlichtweg, weil dies für sie Normalität ist. Frauen hingegen müssen das Bühnenlicht erst (wieder) für sich entdecken. In den letzten Jahren hat sich diesbezüglich zwar viel getan, aber es sind immer noch deutlich weniger Frauen als Männer sichtbar. Deswegen engagiere ich mich auch so dafür, dass Frauen in die Sichtbarkeit treten.


Und wie können sich Frauen dem annähern?

Am besten, indem sie praktische Erfahrungen damit machen. Beispielsweise, in dem sie ein Foto-Shooting für sich organisieren und merken, wie viel Spass so etwas machen kann. Am Ende dann wirklich schöne Fotos von sich in den Händen zu halten, motiviert einmal mehr, diese Hemmungen beiseitezulegen. So oder so würde ich empfehlen, das Thema «Sichtbarkeit» spielerisch anzugehen und einfach Dinge auszuprobieren, statt es perfektionistisch umsetzen zu wollen. Es hilft, sich der eigenen hohen Ansprüche an sich selbst bewusst zu werden und diese ein Stückweit loszulassen.


[ Gemeinsam ist «frau» stärker. ]

Mir persönlich hat ausserdem der Austausch mit anderen Frauen geholfen, um sichtbarer und erfolgreicher zu werden. Bei mir fand dieser Austausch im Rahmen einer Mastermind-Gruppe statt, bei der ich mit anderen Menschen, die mit ihrem Unternehmen an einem ähnlichen Punkt standen wie ich, gemeinsam auf dem Weg war. Solch ein Austausch mit Gleichgesinnten bestärkt ungemein und ermutigt, die eigenen Herausforderungen auch wirklich anzugehen. Herausforderungen wie das Thema Sichtbarkeit beispielsweise.


Spannend finde ich, dass du dich als Kind bzw. Jugendliche als schüchtern beschrieben hast – und nun sehr präsent mit deinen Themen bist. Wie kam es zu diesem «Switch»?

Ich würde nicht behaupten, dass diese Haltung von einem Tag auf den anderen gedreht hat. Es hat sich vielmehr nach und nach so entwickelt. Ein prägender Augenblick war sicherlich ein einstündiges Referat vor 200 Personen im Kaufleuten (Anm.: Veranstaltungsort in Zürich), für das ich kurzfristig eingesprungen bin. Bei der Anfrage bin ich meinem ersten Impuls gefolgt und habe zugesagt, auch wenn das wie ins kalte Wasser springen war. Zunächst war ich unglaublich nervös. Dann hingegen habe ich es unglaublich genossen. Dass ich diese Chance überhaupt ergriffen habe, hatte aber Vorlauf und stand am Ende eines Prozesses, der zuvor stattgefunden hat. Zu Beginn meiner Unternehmertätigkeit hätte ich diesen Schritt vermutlich nicht gewagt.


Was war zu diesem Zeitpunkt anders?

Ursprünglich bin ich unternehmerisch als Social Media Recruiterin gestartet, also mit einem anderen Tätigkeitsschwerpunkt als mein heutiges Business. Die Idee dafür hatte sich im Rahmen meiner Angestellten-Tätigkeit bei Google konkretisiert beziehungsweise im Austausch mit dem inspirierenden Netzwerk, in das ich dort eingebunden war. Nach ungefähr fünf Jahren wurde meine Motivation für diese Tätigkeit jedoch immer geringer und es bahnte sich ein Richtungswechsel an. Nichtsdestotrotz dauerte diese Phase sicher noch ein bis zwei Jahre an, bis parallel zum Recruiting mein aktuelles Tätigkeitsfeld gewachsen ist.


[ Transformation passiert in den Momenten, die von Nicht-Wissen geprägt sind. ]

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es wichtig ist, solche Zeiträume der Unzufriedenheit und der Ungewissheit auszuhalten und anzunehmen, damit Neues heranreifen kann. Auch das war wiederum ein Prozess, der nötig war, damit ich überhaupt für den nächsten Schritt bereit war. Als ich mich nämlich bewusst ins Nicht-Wissen sinken lassen konnte und loslassen, hat sich vieles in einer Leichtigkeit und Natürlichkeit ergeben, die ich nicht hätte erzwingen können; wie z.B. die Einbindung in die Mastermind-Gruppe bzw. der Auftritt im Kaufleuten.


Prozessen ihre Zeit und Raum zum Reifen lassen. Das ist schön ausgedrückt. Und führt direkt zu einem weiteren Thema, welches dir am Herzen liegt: «Zyklisch Arbeiten». Das heisst: Die Arbeitstätigkeit je nach Phase unterschiedlich gestalten und die Qualitäten der jeweiligen Phase wertschätzen und für sich nutzen.

Wie integrierst du das in deinen eigenen Business-Alltag?

Ich orientiere mich bei Zyklisch Arbeiten an verschiedenen Zyklen: Am Jahreszeiten-Zyklus für Dinge, die ich länger vorausplanen kann. So lege ich beispielsweise Workshop-Daten nicht auf Tage während meines Menstruationszeitraums, weil ich diese Zeit in Ruhe für mich geniessen möchte. Und auch im Winter lasse ich so einiges ruhen. Ich bin mittlerweile 11,5 Jahre unternehmerisch tätig und habe in dieser Zeit beispielsweise so gut wie jedes Jahr eine längere Winter-Business-Pause eingelegt. Neben dem Jahreszeiten- und meinem Menstruationszyklus spielen für mich aber auch der Tages- und der Wochenzyklus eine Rolle, wie und welche Tätigkeiten ich plane.

Dein Business basiert auf «Sichtbarkeit & Social Media». Nun korreliert «Sichtbarkeit» im Kontext von Zyklisch Arbeiten stark mit der Phase des (inneren) Sommers, in der Präsenz und Sich-Präsentieren-Wollen im Vordergrund steht – und entspricht damit lediglich einer Zyklusphase von vier Phasen. Social Media wiederum suggeriert eine gewisse «Allzeit-Präsenz». Da drängt sich die Frage auf, inwiefern Zyklisch Arbeiten & Sichtbarkeit überhaupt miteinander vereinbar sind.

Das geht sehr gut zusammen. Denn auch innerhalb des Tätigkeitsbereichs für Social Media sind alle Zyklen vertreten. Posts absetzen und damit sichtbar werden ist das eine. Inhalte und Posts müssen aber ja auch erstellt, geschrieben und vorgeplant werden. Das sind Tätigkeiten, die keine Aussenwirkung voraussetzen. Ausserdem analysiere ich regelmässig meine Social-Media-Aktivitäten und deren Resonanz bei der Community – dies entspricht als Tätigkeit dem inneren Herbst, der dritten Zyklusphase. Insofern kann Social Media durchaus zyklisch organisiert werden. Ich persönlich habe beispielsweise klare Zeitfenster, in denen ich gezielt online aktiv bin oder Community- Management betreibe (circa 30 Minuten pro Tag). Diese Zeitfenster lege ich mir, wenn möglich, jeweils auf Tages- bzw. Wochenzeiten, die dieser Aktivität entsprechen (Anm.: entspricht im Zyklusrad: Mittagszeit/frühe Nachmittagsstunden bzw. Mitte der Woche). Oder ich delegiere Dinge an mein Team, wenn es gar nicht zu meiner Zyklusphase passt. So oder handhabe ich das relativ intuitiv und nach Gespür – und weniger fix nach Plan.


[ Jede Phase hat ihren Wert. ]

Für mich ist die Qualität von Sichtbarkeit nicht mehr oder weniger wert als die Qualitäten der anderen drei Zyklusphasen. Jede Phase hat ihren Wert und möchte gewürdigt werden – auf ihre Art. Ich schätze jede davon. So ist es für mich gleichwertig nach der Phase der Sichtbarkeit wieder dem Gegenpol Raum zu geben: Loslassen und in Ruhe gehen. Beides braucht es für ein Gleichgewicht. Beides bedingt sich gegenseitig.


Alles zu ihrer Zeit. Jede Phase hat ihre Qualität. Jede Phase ihre eigene Kraft. Und es braucht jede Einzelne davon ... damit sich der Kreis schliessen kann. Damit wir (und unsere Gesellschaft) wieder ins Gleichgewicht kommen. Da bin ich völlig bei dir. Das ist übrigens auch eine der Quintessenzen meines Buchs «Zyklisch I Kraftvoll I Leben», das zu Beginn der Dunkelzeit erscheinen wird (November dieses Jahr). Pünktlich, um damit in die Tiefen des Winters abzutauchen. :)


Mit dieser Haltung lebst du ein anderes Businessmodel als «usual» vor. Ausserdem ist es dir ein Anliegen dein Business so zu gestalten, dass es deiner Weiblichkeit entspricht. Wie äussert sich das – wie definierst du Weiblichkeit für dich?

Das ist für mich sehr stark mit dem Aspekt von «Zyklisch Leben» verknüpft. Letztes Jahr bin ich Mutter geworden – diese Rolle bringt mich per se damit in Kontakt, weil Babys an sich sehr zyklisch leben. Ausserdem ist meine Arbeitsweise sehr intuitiv geprägt.

Unabhängig davon verbinde ich mich sehr gern mit meinem Körper, tanze gerne, bin ein sinnlicher Mensch, der Schönheit und Berührungen liebt ... all das assoziiere ich mit Weiblichkeit. Weiblichkeit hat aber viele Facetten und deutlich mehr als die, die mir gerade in den Sinn kommen. Letztlich kann niemand ausser einem selbst definieren, was weiblich ist. Sich mit sich selbst beschäftigen, dem Körper zuhören und sich mit der eigenen Intuition beschäftigen sind für mich wichtige Schlüssel, um dem eigenen Ausdruck von Weiblichkeit auf die Spur zu kommen und sich besser kennenzulernen. Das gilt natürlich entsprechend auch für Männer.


Du hast das «Mama-Sein» angesprochen. Hat sich durch diese neue Rolle in deinem Leben grundlegend etwas verändert?

Natürlich hat sich so einiges in meinem Leben durch die Geburt meines Sohnes verändert – und doch nicht ganz so viel, wie ich vor der Geburt erwartet hatte. Das liegt wahrscheinlich daran, dass mein Partner und ich uns die Care-Arbeit aufteilen und ich somit, wie er auch, weiterhin 50 Prozent in meinem Job arbeiten kann. Ich geniesse es, soviel Zeit mit meinem Sohn verbringen zu können und gleichzeitig auch weiterhin dem meine Energie widmen zu können, wofür mein Herz sonst noch schlägt. Durch die riesengrosse Liebe zu diesem Geschöpf ist aber scheinbar auch mein Herz weiter aufgegangen. Ich habe bemerkt, dass ich empfindsamer geworden bin gegenüber dem, was auf der Welt passiert und welche Welt wir unseren Kindern hinterlassen.


Ihr teilt euch die Kinderzeit auf in der Partnerschaft. Was hilft dir ausserdem, deine beiden Babys (Sohn & Unternehmertum) gut unter einen Hut zu bringen?

Ich teile meine Arbeitszeit im Business nun anders ein und bin klarer in meinem Fokus. Dadurch, dass ich keine Zeit habe, mich um alles zu kümmern, setze ich mehr Prioritäten und gehe gewissen Schwerpunkten gezielt nach. Gerade befinde ich mich diesbezüglich in einem spannenden Prozess, weil ich meine Tätigkeiten künftig noch stärker fokussieren möchte und mich statt auf vier oder fünf Schwerpunkte auf zwei Bereiche konzentrieren werde.


[ Wenig Hang zu Perfektion entspannt das Ganze ungemein. ]

In dem Zusammenhang kommt mir ausserdem entgegen, dass ich nicht sehr perfektionistisch veranlagt bin, sondern es eher pragmatisch angehe. Ich schreibe einen Text und lese ihn dann nicht noch fünfmal gegen, bevor ich ihn veröffentliche. Ausserdem kann ich Dinge delegieren und habe nicht den Drang, alles unter Kontrolle haben zu müssen.


Jetzt haben wir viel von deinem jetzigen Business gesprochen und wie deine Weiblichkeit darin Platz findet. Im Rahmen deines Studiums hast du dich den Themen Frauengeschichte & Ethnologie gewidmet und als Co-Autorin unter anderem ein Buch zu Frauenbiografien aus dem 20. Jahrhundert mit herausgegeben. Was ist dir davon prägend in Erinnerung bzw. begleitet dich nach wie vor in deinem Leben?

Mit dem Buch haben wir Zeitzeuginnengespräche mit damals über achtzigjährigen Frauen geführt und ihre Lebensgeschichten dokumentiert. Geschichten von Frauen im Alltag – wie beispielsweise einer Mutter von zehn Kindern, einer Haushälterin oder einer Hebamme. Die Gespräche haben mir deutlich vor Augen geführt, wie einfach und bodenständig die Frauen in den dreissiger/vierziger Jahren gelebt haben und mit wie wenig sie auskamen. Das schwingt nach wie vor bei mir nach und ich bin sehr dankbar für unseren heutigen Lebensstandard in der Schweiz. Genauso dankbar, wie auch für die Menschen der letzten 20 Jahre, die engagiert für die Gleichberechtigung von Frauen gekämpft haben. Und gleichzeitig bleibt da noch viel zu tun.


Wofür braucht es deiner Ansicht nach beim Thema Frauenrechte weiterhin Engagement und Herzblut?

Beim Thema «Gleicher Lohn für gleiche Tätigkeit.» ist nach wie vor noch lange keine Gleichberechtigung gegeben. Auch sind Frauen Rententechnisch immer noch schlechter gestellt und driften damit eher in Altersarmut ab. Und natürlich braucht es dringend einen Wandel bei der Care-Arbeit, die immer noch hauptsächlich von Frauen geschultert wird – unbezahlt.


Gab es denn bei den Frauenbiografien Verbindendes, das alle dokumentierten Lebensgeschichten geprägt hat?

Ein gewisser Lebensorientierter Pragmatismus und eine gesunde Bodenständigkeit war bei allen Frauen vorhanden. Sie haben «einfach gemacht» und zwar mit dem, was vorhanden war. Diese Umsetzungs-Attitüde entspricht mir. Auch ich plane meist nur für ein halbes Jahr voraus. Denn letztlich kann sich das Leben recht schnell ändern. Und so kann ich flexibel mit dem gehen, was unter meinen Füssen entsteht. Es gibt einen Spruch, der das schön verdeutlicht: «Wenn du die Götter zum Lachen bringen willst, mach Pläne.» Das heisst natürlich nicht, dass es nicht wichtig wäre, Visionen zu haben. Aber ein wenig kürzere Planungshorizonte halten definitiv flexibler.


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