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Heldin des Alltags: Isabella Biermann

[ Heldinnen-Porträt Januar 2022 ]


[ Global Infrastructure Basel Foundation I Interview am 02.12.2021 ]



Heldinnen-Affirmation:


«Trust the process». Nimm deine Verantwortung wahr.

Vertrau darauf, dass alles einen Sinn hat und tritt einen Kontroll-Schritt zurück. Lass den Dingen und Prozessen ihren Weg gehen. Sei dir gleichzeitig aber auch der Verantwortung bewusst, die du als Teil eines grösseren Ganzen hast.


 

Isa habe ich durch einen früheren Job bei einem Startup, das kreative Räume für Zusammenarbeit anbietet, als inspirierende und engagierte Arbeitskollegin kennen- und schätzen gelernt. Vorab zum Gespräch kamen mir aus dem Bauch heraus folgende Attribute zu ihr in den Sinn: Sprudelnd, echt, frisch und frei heraus, ehrlich, engagiert, authentisch, Powerfrau, begeisternd, kommunikativ, offen, aufgeschlossen, neugierig, zuverlässig, reflektiert, reflektierend, weltverbesserisch, passioniert, Begegnung auf Augenhöhe, unvoreingenommen. Jede Menge positiver Eigenschaften, die sich im Heldinnen-Gespräch wieder bestätigt haben. Ich schätze Isa als Mensch sehr und gleichzeitig verbindet uns auch unsere Passion für die Gestaltung sozio-kultureller Räume. Sie lebt das durch Stadtentwicklung & Urban Design, ich bei zukunftsweisenden Wohnformen & im Siedlungskontext.

Die Balance zwischen Vision (innerem Feuer folgen) und Tatkraft (Dinge auf den Boden bringen), zwischen klarer Ausrichtung und Fliessen lassen, zwischen authentischem & aufrichtigem Ich-Sein und verbindendem WIR, macht für mich Isabella’s Heldinnenkraft aus. Sie lebt klar und echt das, was ihr wichtig ist und setzt sich passioniert und mit Feuereifer auf verschiedenen Ebenen für einen (System-)Wandel ein.



Einmal Bern ... und wieder retour. Liebe Isa, als wir uns kennengelernt haben hast du in Bern gewohnt. Seit ein paar Monaten wohnst du wieder dort. Dein Leben hat aber verschiedene andere Lebensmittelpunkte gesehen: Von Friedrichshafen, Madrid, Hamburg bis nach Kopenhagen. Letztere Station war eine Entscheidung quasi aus dem Nichts heraus. Was hat dich bewogen, nach Kopenhagen zu gehen?

An sich habe ich mich in diese Stadt schon 2013 verliebt, bei meinem ersten Besuch dort. Damals war es «einfach» ein Gefühl. Schon da wusste ich, dass ich unbedingt einmal dort leben möchte. Als ich mich dann mehr mit Stadtplanung beschäftigt habe, unter anderem mit Jan Gehl – ein dänischer Stadtplaner, der die Stadtentwicklung von Kopenhagen als Stadt, wie sie heute ist, massgeblich mitgeprägt hat, – habe ich noch einmal einen anderen Blick auf diese Stadt bekommen. Und hatte noch mehr Lust, dort zu wohnen.

Durch mein Masterstudium «Urban Design» war ich dann bereits recht nördlich, nämlich in Hamburg, zuhause. Eigentlich wollten wir (mein Partner und ich) nicht noch weiter in den Norden, des Klimas wegen. Auf unserer Liste von Städten, die uns zum Leben interessieren würden, ist dann aber doch Kopenhagen als eine von vier Städten wieder aufgetaucht.


Wie sollte eine Stadt denn sein, damit du dort gerne leben möchtest?

Das Gefühl, ob es mir in einer Stadt gefällt oder nicht, macht für mich enorm viel aus. Im Grunde genommen entsteht dieses Gefühl aus einer Mischung aus Urbanität und entsprechender Energie und gleichzeitig hoher Lebensqualität mit viel Grünräumen und überschaubaren Distanzen. Hamburg ist für mich ein gutes Beispiel für solch eine Stadt: Hamburg hat Grossstadtflair und urbanen Charakter und ist doch so gebaut, dass jede:r in 20 bis maximal 25 Minuten mit dem Fahrrad überall hinkommt.

Ausserdem sind wir beide Designer. Daher ist es uns ein grosses Bedürfnis, in einer Stadt auch ästhetisch abgeholt zu werden. Die nordischen Städte wie Kopenhagen setzen diesen ästhetischen Anspruch sehr gut um.


Und was hat den Ausschlag gegeben, dass ihr nach Kopenhagen gegangen seid? Hattet ihr ein Jobangebot oder eine Wohnung in Aussicht?

Keines von beidem. Letztlich haben wir das aus dem Bauch heraus entschieden, wie ich auch sonst oft auf mein Bauchgefühl höre. Ich habe unsere Wohnung gekündigt, ohne dass wir etwas anderes gehabt hätten. Genau der Druck, der dadurch entstanden ist, hat uns aber geholfen, die nächsten Schritte in die Wege zu leiten.


Das nenne ich mutig! Einfach mal drauflos den Schritt ins «openland» zu tun, ohne zu wissen, was als nächstes kommt. Ist dir da nicht in bestimmten Momenten das Herz in die Hosen gerutscht?

Und wie! Nachdem wir diesen Schritt getan hatten, hatte ich erstmal Panik. Um ins Land zu gelangen brauchten wir wegen Corona eine so genannte CPR Nummer, allerdings war diese nur persönlich vor Ort zu beantragen. Dazu kommt: diese Nummer bekommst du nur, wenn du einen Wohnsitz bzw. eine Adresse hast. Und für eine Wohnung wiederum musst du nachweisen, dass du einen Job hast, mit dem du die Miete bezahlen kannst. Ziemlich verzwickt also, wenn du weder das eine noch das andere hast.


Und wie kam es, dass es letztlich geklappt hat?

Da kam uns sicher eine grosse Portion Glück zugute. Gleichzeitig haben wir darauf vertraut, dass sich ein Weg finden wird. Wir haben glücklicherweise recht schnell mittels einer Facebook-Gruppe 'Deutsche in Kopenhagen' ein Wohnungsangebot bekommen, noch dazu genau in meinem Lieblingsviertel in Kopenhagen, einer kleinen Fussgängerstrasse mit Kopfsteinpflaster.


Also Ende gut, alles gut?

Fast. Bevor wir nämlich unsere tolle Hochparterre-Wohnung in Kopenhagen beziehen konnten, wurde unsere Entscheidung nochmal auf die Probe gestellt: Alles war gepackt, unsere restlichen Sachen in Hamburg untergestellt. Und dann wurden einen Tag vor unserer Ausreise wegen Covid und Lock-Down auf einmal die Einreisebestimmungen nach Dänemark geändert. Wir wussten also, als wir losfuhren nicht, ob wir überhaupt über die Grenze kommen. Wir sind dann mit dem Zug los, hatten keine CPR-Nummer (da diese erst vor Ort beantragt werden kann) und das Resultat unseres Covid-Tests lag ebenfalls noch nicht vor. So standen wir an der Grenze und die Grenzpolizistin wollte CPR-Nummer und Covid-Test sehen. Beides hatten wir nicht. Wir haben schon damit gerechnet, wieder umdrehen zu müssen. Doch dann hat uns die Polizistin einfach Vertrauen geschenkt und gesagt: «Ok, ich glaube euch.».


[ «Trust the process» – es wird gut werden. ]

Das hat mir einmal mehr gezeigt, wie wahr doch die Weisheit ist, die mir eine Freundin einmal mit auf den Weg gegeben hat: «Trust the process». Dieser Spruch begleitet mich schon seit einiger Zeit und bestätigt sich immer wieder in meinem Leben. Den Glauben ins Laufende zu behalten und darauf zu vertrauen, dass sich die Lösung abzeichnen wird, auch wenn sie vielleicht gerade (noch) nicht sichtbar oder auch erst am Entstehen ist.

Wir wollen oft alles kontrollieren: unseren Körper, unsere Ernährung, unseren Schlaf, ... Dabei würde es uns so gut tun, mal einen Schritt zurückzutreten und die Planungshoheit abzugeben – darauf vertrauen, dass die Dinge ihren Lauf zum Guten nehmen und schauen, wohin uns dieser Prozess führt. Das macht vieles leichter. Mein Leben ist so leichter geworden.


Auf LinkedIn verwendest du die Aussage: «When nothing is sure, everything is possible» von Margaret Drabble. Da kommt genau dieses Vertrauen zum Ausdruck, das du gerade beschrieben hast. Ebenso wie dein offener Geist, der sich auf Neues und Ungewohntes einlassen kann. Genau die passenden Kompetenzen und Fähigkeiten für das aktuelle Zeitgeschehen, würde ich sagen.


Und jetzt seid ihr wieder zurück in Bern. Was war der ausschlaggebende Grund, Kopenhagen den Rücken zu kehren und wieder in die Schweiz zu ziehen?

Den einen Grund gab es nicht, das war vielmehr ein Zusammenspiel aus verschiedenen Faktoren: Zum einen spielte die Jobthematik eine grosse Rolle: Ich hatte mich sehr tief mit den kapitalistischen Strukturen auseinandergesetzt und dabei wurde mir bewusst, dass ich nicht einfach irgendeinen Brotjob machen möchte. Dadurch war zunächst erst einmal gar nicht richtig klar, wo ich überhaupt guten Gewissens arbeiten kann und will. Ausserdem kamen wir in Kopenhagen zu Beginn von Covid-Zeiten und Lockdown an und Jobs wurden, wenn, dann eher an Einheimische vergeben. Dann bekam ich meinen jetzigen Job in Basel angeboten, der so vielem von dem entspricht, wofür ich mich einsetzen möchte und womit ich auch wirklich etwas bewirken kann.

Zum anderen war das Klima in Dänemark – das wetterbedingte und auch das politische, das nicht sonderlich weltoffen ist – nicht unbedingt unser Ding. Wir haben diesen Umzug nach Kopenhagen von Anfang an als «Projekt» verstanden und haben nichts gross geplant oder erwartet. Irgendwie hat sich alles dann gefügt.


Da ist er wieder, dein Leitstern: «Trust the process.»

Mir ist aufgefallen, dass Interkulturalität und Interdisziplinarität eigentlich bei allem mitschwingt, was du tust. Du sprichst sechs Sprachen, hast einen Bachelor of Arts in Communication und Cultural Management in Friedrichshafen und Madrid gemacht. Und einen Master of Sciences in Urban Design in Hamburg draufgesetzt. Inwiefern gibt es da eine Brücke – was verbindet diese beiden Disziplinen?

Auch wenn mein Bachelor in Kommunikations- und Kulturwissenschaften einen anderen Fokus hatte als der non-konsekutive Masterstudiengang «Urban Design» (Anm.: ein Master, der inhaltlich-fachlich nicht auf dem vorherigen Bachelor aufbaut, sondern sich ein neues Themenfeld erschliesst), so hat mir der Bachelor doch eine ideale Basis für das Masterstudium gelegt. In meinem stark kulturwissenschaftlichen Urban Design Studium wurde Stadt nach Lefebvreals als dynamischer sozialer Prozess verstanden. Der bebaute Raum (das Architektonische) ist nur ein Teil davon, macht aber nicht die Stadt als Ganzes aus. Die Stadt als solche wird von den unterschiedlichen Menschen, die in ihr wohnen, arbeiten und leben, ganz verschieden erfahren und wahrgenommen; jeweils aus der eigenen Perspektive. So ist meine Wahrnehmung einer Stadt nicht gleich deine Wahrnehmung davon. Da passt mein Bachelor m