Heldin des Alltags: Vreni von Känel

[ Heldinnen-Porträt August 2021 ]


[ «und» das Generationentandem I Interview am 17.06.2021 ]



Heldinnen-Affirmation:


Nimm an, was ist. Schau auf das, was gut läuft.

Lass dich von Wind und Wellen treiben, statt gegen sie anzukämpfen: Nimm es gelassen und hab die Geduld stürmische Winde abwarten zu können. Wende dein Gesicht der Sonne zu: Richte deinen Blick auf das, womit du zufrieden bist in deinem Leben.


 

Durch mein Engagement bei der Wohnbaugenossenschaft Zukunft Wohnen habe ich «und» das Generationentandem in Thun kennengelernt. Seitdem bin ich ein grosser Fan dieses Vereins mit all seinen vielfältigen Aktivitäten, weil «und» für mich gelebte Diversität und funktionierendes Generationenmiteinander par excellence verkörpert. Auf der Suche nach der Perspektive einer Heldin, die – im Gegensatz zur Jung-Heldin Celia Valeria Hug von Juli – bereits viel Lebenserfahrung sammeln konnte, ist mir im Team vom Generationentandem Vreni von Känel aufgefallen. Der Vergleich zu einem Schiff, den sie bezüglich des Generationentandem verwendet, hat sofort Bilder in meinem Kopf entstehen lassen – und das, obwohl Schiffe bei mir so gut wie immer Schwindelgefühle und Seekrankheit auslösen.

Vreni’s Heldinnen-Kraft drückt sich für mich in einer sehr präsenten positiven Sicht auf’s Leben aus. Sie schafft es mit bewundernswerter Ausdauer, alles immer wieder ins positive Licht zu rücken und redet nicht nur von Zufriedenheit und Dankbarkeit, sondern lebt diese Haltung auch. Noch dazu können wir uns sicher eine Scheibe von ihrer Gelassenheit & Toleranzfähigkeit abschneiden: Akzeptieren, was ist und andere stehenlassen, so wie sie sind.


Vreni, auf deinem Profil bei «und» das Generationentandem ist zu lesen: «Die Hobby Gärtnerin und pensionierte Informatikerin freut sich als begeisterte Seglerin gemeinsam mit Livia Thurian im Co-Präsidium ein ganz spezielles Schiff zu steuern.»

Was ist das für ein spezielles Schiff, von dem du sprichst?


Das Schiff «und» das Generationentandem wird von der Idee getragen, den Generationendialog abzubilden und ihm eine Plattform zu geben. Mit journalistischen Produkten multimedial im Internet («und» online), aber auch in einem klassischen Magazin, das viermal jährlich erscheint («und» print) wird der Austausch der Generationen intern und der Öffentlichkeit präsentiert. Ausserdem findet mit verschiedenen Aktivitäten auch ein offener Generationen-Austausch mit der gesamten Öffentlichkeit statt («und» live). Es gibt ganz viele unterschiedliche Formate wie Filmanlässe, Kurse, Vorträge, Erzählcafés, Spaziergänge, Technikhilfe ... so vielfältig wie die Menschen eben, die sich beim Generationentandem engagieren. Es soll ein Miteinander der Generationen stattfinden. Das Generationentandem steht ausserdem für Generationensolidarität.

Für mich persönlich hat das Bild von einem «Schiff» zusätzlich eine besondere Bewandtnis: Ich habe nämlich acht Jahre meines Lebens mit meinem Mann Hans-Ruedi Suhner auf einem Segelschiff gelebt.


Sehr spannend – eine völlig andere Etappe deines Lebens, von der ich gar nichts wusste. Um aber zunächst beim Generationentandem zu bleiben: Als welches Schiff würdest du «und» bezeichnen. Ist es eher Ruderboot, Kajak, Segelschiff, Katamaran, Jacht, Fährschiff, Frachter oder gar ein Kreuzschiff?

Ganz klar: Ein Segelschiff. Nachdem ich selbst acht Jahre lang mit einem Segelschiff unterwegs war, liegt diese Allegorie für mich natürlich auch sehr nahe. Mit einem Segelschiff ist «mensch» von Wind, Wellen und dem Wetter abhängig. Nicht immer ist es möglich so zu agieren, wie es für einen selbst das Ideale wäre. Das erfordert Gelassenheit und die Fähigkeit, Dinge einfach nehmen zu können, wie sie kommen. Und wenn es mal stürmt, dann hilft es nichts, gegen den Sturm ankämpfen zu wollen. Dann heisst es geduldig sein und den Sturm abwarten.

[ Einen Chef, der sagt wo’s lang geht, gibt es bei uns nicht. Wir sind eine Crew. ]

Genauso erlebe ich das auch beim Generationentandem: Bei so vielen engagierten Menschen treffen sehr viele unterschiedliche Personen aufeinander, viele unterschiedliche Ideen und Vorgehensweisen. Da kann ich nicht einfach «mein Ding durchziehen». Ebenso wie beim Segeln durch das Wetter bedingt, gilt es auch hier die situativen Gegebenheiten einzubeziehen und anzunehmen, dass andere Menschen das Schiff auf ihre Art und Weise vorwärts bringen. Es geht schliesslich nicht darum, dieses Schiff allein «vom Chefsessel aus» zu steuern – wie das oft in der Wirtschaft der Fall ist. Beim Generationentandem bin ich eine unter vielen und nur gemeinsam bewegen wir uns vorwärts.


Du sprichst von zwei Fähigkeiten: Gelassenheit = Dinge annehmen, die sich nicht ändern lassen. Ebenso wie Toleranz = Menschen so stehenlassen können, wie sie sind. Beides meiner Ansicht nach sehr wichtige Fähigkeiten für ein funktionierendes Miteinander. Wie erlebst du das bei dir – liegt dir das im Blut oder ist es für dich ein stetes Lernfeld?

Früher hatte ich diesbezüglich vielleicht etwas mehr Mühe. Mir kam sicher zu Gute, dass ich oft auf Segelschiffen mit unterschiedlichen Crews unterwegs war. Auch wenn mir da nicht immer alle gleichermassen sympathisch waren, so musste ich mich trotzdem arrangieren, damit es als Team funktioniert. Mit dem Alter und der Lebenserfahrung haben sich diese Fähigkeiten bestimmt nochmal verstärkt, auch wenn ich an sich von mir behaupten würde, dass mir beides liegt.


[ Im gleichen Boot unterwegs. ]

Letztlich bringt es nichts ausser Frust, bei der Zusammenarbeit auf das Trennende zu fokussieren. Das ist wie gegen Windmühlen anzukämpfen. Ausserdem ist es für mich gar nicht so relevant, wer sich wie einbringt. Hauptsache ist, dass wir am gleichen Strick ziehen. Wir sitzen schliesslich im gleichen Boot. Da können wir nicht einfach ein Crew-Mitglied über Bord werfen. Viel wichtiger finde ich es, im Blick zu haben, dass die andere Person auch ihren Teil dazu beiträgt, dass das Boot vorwärts kommt.


Im gleichen Boot sitzen und das Schiff gemeinsam vorwärts bringen. Eine eindrückliche Metapher, die für mich wunderschön zeigt, wie wir Zusammenarbeit auch verstehen können. Vielleicht braucht es also manchmal einfach mehr dieses Bild von einem gemeinsamen Boot!


Wie bist du zum Generationentandem gestossen? Was war und ist der Grund, dich dort zu engagieren?

Vor unserer Segelreise hatte ich immer viel gearbeitet und verantwortungsvolle Positionen inne. Als wir dann die Entscheidung für diese Reise getroffen haben, war mir bewusst, dass ich nach einer achtjährigen Auszeit (noch dazu als dann 59-Jährige) schwer wieder im Arbeitsmarkt Fuss fassen und an meine vorherige Berufslaufbahn anknüpfen kann. So war ich auf der Suche nach einer neuen Herausforderung. Denn ich bin nicht der Typ Mensch, der die Hände in den Schoss legt und nur zuhause herum sitzt. Ich brauche Herausforderungen, auch geistiger Art. In diesem Zusammenhang hat mich eine Kollegin darauf aufmerksam gemacht, dass beim Generationentandem jemand für die Mitgliederadministration gesucht wird. Das erschien mir eine wunderbare Möglichkeit, mich mit meinen Fähigkeiten und meinem Know-How zu engagieren. Gesagt, getan.


[ Engagiert von Mitgliederadministration bis hin zum Co-Präsidium. ]

Zunächst habe ich mich um die Administration gekümmert; unter anderem ein neues IT-System eingeführt. Als es dann bei einem Strategie-Prozess darum ging, wie die Zukunft des Vereins aussehen soll und wie diese tatkräftig mitgestaltet werden kann, habe ich mich auch hier eingebracht und später das Amt der Co-Präsidentin übernommen. Im Rahmen des letzten Jahres konnte ich mich mit meinen Fähigkeiten und meinem Wissen gefühlt recht gut einbringen und damit viel bewirken für den Verein. Das ist schön zu sehen und bestätigt mich in meinem Engagement.


Sprich: Dir liegt es am Herzen, etwas zu bewirken und das Boot vorwärts zu bewegen. Gleichzeitig kannst du dich auch noch mit deinen persönlichen Fähigkeiten und deinem Know-How aus IT-Branche & Projektmanagement dafür einsetzen. Das ist die Sorte Treibstoff, aus der Engagement entsteht.


Nun steuerst du (67 Jahre) dieses spezielle Segelschiff als Co-Skipperin (aka Co-Präsidentin) mit Livia Thurian (27 Jahre) zusammen. Im Generationentandem quasi als Topsharing Tandem (=2 Personen teilen sich Führungsposition). Und dann noch zwei Frauen in der Führung. Das ist in unserer heutigen Welt doppelt speziell. Wie kam es dazu?

Früher gab es beim Generationentandem kein Präsidium, sondern einen Vereinsvorstand. Vor ca. drei Jahren kam es im Zuge der Organisationsentwicklung zu einer Umstrukturierung und ein Co-Präsidium wurde etabliert. Doch es war gar nicht so einfach, diese beiden Rollen im Ehrenamt zu besetzen. Mit all den (auch oft unliebsamen und gleichzeitig notwendigen) Tätigkeiten, die solch ein Amt mit sich bringt. Ausserdem sollte es auch zwischenmenschlich in der Tandem-Position harmonieren. Letztlich habe ich mich für diese Stelle zur Verfügung gestellt und Livia und ich ergänzen uns beide sehr gut.


Zwischen euch beiden besteht ein Altersunterschied von punktgenau 40 Jahren. Wie macht sich das bemerkbar? Generiert das Konflikte auf der «Kommandobrücke»?

Meiner Meinung nach spielt die Altersdifferenz keine Rolle. Wir sind zwei Menschen, die miteinander etwas bewegen und Menschen abholen wollen. Zufällig stammen wir aus unterschiedlichen Generationen. Und natürlich hat jede ihre Meinung und eigene Perspektive. Das ist aber immer der Fall, wenn Menschen aufeinander treffen, egal in welcher Alterskonstellation. Für mich ist es für unsere Zusammenarbeit eher relevant, dass wir beide tolerant sind und offen miteinander kommunizieren können.


Kommunizieren – da lieferst du mir das nächste Stichwort. Beim Blick über deine Aktivitäten ist mir der Artikel «Ist hier noch frei? – Ja» ins Auge gefallen. Du hast als Generationentandem mit David Wälti (22 Jahre) eine Fahrt mit dem Zug ins Blaue unternommen, mit dem Ziel mit Unbekannten ins Gespräch zu kommen. Das war vermutlich ein Schritt aus deiner Komfortzone heraus. Wie hast du das erlebt? Fiel dir das nicht schwer?

Überhaupt nicht. Im Gegenteil: Das entspricht mir sogar sehr. Ich bin ein kontaktfreudiger Mensch und habe keine Berührungsängste. Leute ansprechen ist für mich daher kein Problem. Das habe ich auch letztes Jahr bei der Aktivität «Spazierengehen, Pläuderle» vom Generationentandem gemerkt. Auf Teilnehmende wartend habe ich einfach Menschen in der Umgebung angesprochen. Daraus haben sich interessante Gespräche ergeben.


Also noch eine Stärke von dir, die du beim Generationentandem einbringen kannst. Das hast du auch im Zuge eurer Segelreise ausgiebig anwenden können: Von Ort zu Ort ziehend, immer wieder auf neue Menschen einlassen.

Gerne möchte ich mehr zu dieser sicher prägenden Etappe in deinem Leben erfahren: Diese Segelreise, für acht Jahre alles zurücklassen – wohl keine Entscheidung, die von heute auf morgen getroffen wird. Wie kam das zustande? Und war dieser Zeithorizont von 8 Jahren von Anfang an so geplant?

Ehrlich gesagt, kam das alles eher kurzfristig zustande: Wir hatten im Jahr 2004 recht spontan ein Segelschiff gekauft, und sind dann bereits am 1. April 2005 losgeschippert. Ursprünglich hatten wir sieben Jahre angedacht; letztlich ist es dann ein Jahr mehr geworden. Dass wir für länger unterwegs sein wollten, war für uns beide klar. Dass dies den Schritt in eine andere Lebensphase bedeutet, war uns ebenfalls bewusst. Wir haben also einen klaren Schnitt vollzogen: Unsere Jobs aufgegeben, das Haus verkauft und unser gesamtes Hab und Gut auf einen 20 Fuss Container reduziert. Dann haben wir uns abgemeldet und sind gegangen. Das geht nur, wenn «mensch» bereit ist, sich von Gewohntem zu trennen und Dinge zurückzulassen. Dann kann es aber auch befreiend sein – den Ballast zurücklassen; das, was einen vorher genervt hat, hinter sich lassen können – das ist das Gute am Loslassen.


Das hört sich befreiend an. Und doch ein Schritt, der Mut braucht – ebenso wie eine bewusste Entscheidung. Was nimmst du von dieser achtjährigen Reise auf Mittelmeer, Atlantik und Ostsee mit? Was war prägend für dich?

Im Laufe dieser Reise konnte ich mich mehr als einmal in Gelassenheit üben. Auf einem Segelschiff bist du den äusseren Gegebenheiten viel stärker ausgesetzt und dein eigener Wille tritt dadurch in den Hintergrund. Beim Segeln lässt sich eben vieles nicht selbst steuern, sondern ist abhängig von den Umständen und damit teilweise fremdbestimmt. Diese so annehmen zu können, wie es ist und nicht darüber frustriert zu sein, weil es nicht ist, wie ich selbst gern hätte, ist eine Kunst, die ich im Laufe der Reise immer wieder üben konnte. Ausserdem hat mich diese Segelreise gelehrt, der Freude an den kleinen Dingen noch mehr Beachtung zu schenken (wie den Wellen zuschauen, die Freude an einem schönen Ankerplatz oder an der Natur überhaupt) und mich auf Wesentliches zu konzentrieren.


[ Top Job. Guter Lohn. Grosses Haus. Eigenes Auto. All das habe ich zurückgelassen. ]

Im ersten Jahr kam bei mir zwar immer wieder einmal die Frage hoch: «War diese Entscheidung richtig, all das aufzugeben? Ich hatte doch alles, was das (materielle) Herz begehrt.» In diesen Momenten habe ich mir bewusst gemacht, dass das Materielle nicht das Einzige ist, was zählt. Es gibt Faktoren, die viel wichtiger sind, als materiell gut dazustehen. Raus aus dem Alltag zu sein – damit hat sich für mich die Perspektive verschoben und auch die Prioritäten, die ich in meinem Leben gesetzt habe. Heute stehen bei mir andere Dinge im Vordergrund und der Blick auf die kleinen Freuden überwiegt.


[ Was bleibt. ]

Den Fokus auf das Wesentliche setzen mein Mann und ich nach wie vor in unserem Leben um. Als wir zurück kamen haben wir uns beispielsweise bewusst für das Leben in einer 3-Zimmer-Wohnung entschieden ... auch wenn wir die Möglichkeit gehabt hätten, in meinem Elternhaus mehr Zimmer für uns zu nutzen. Mehr brauchen wir nicht, denn wir haben gelernt auf engem Raum zusammenzuleben. Ausserdem haben wir einen grossen Garten, der nicht nur Raum über die Wohnungswände hinaus bietet, sondern auch ein bereicherndes Hobby für mich ist. Zudem Segeln wir gelegentlich mit unserem Drachen (Anm.: sportliches Segelboot) auf dem Thunersee.


Von dem, was von dieser Segelreise bleibt, nochmal kurz ein Sprung zurück in dein Leben vor der Reise: Du warst in einer Top-Position in der IT-Branche beschäftigt. Als Frau. Das ist eine Konstellation, die selbst heute noch eher Ausnahme ist. Ich stelle mir vor, dass das zu der Zeit, als du in diesen Job gestartet bist, noch exotischer war. Wie war das damals für dich? Gab es Gegenwind, dem du dich stellen musstest?

Nicht wirklich. Ich habe mich nie als Frau diskriminiert gefühlt, hatte einen fairen Lohn, der sich mit dem meiner männlichen Kollegen die Waage hielt und wurde von vielen Seiten unterstützt. Dazu muss ich aber auch sagen, dass ich das Glück hatte bewusst gefördert zu werden.


Toll zu hören, dass du dieses Setting als Frau gleichberechtigt erlebt hast. Was mir aufgefallen ist, als du erzählt hast: Jedes Mal während dieses Gesprächs, wenn ich auf Stolpersteine zu sprechen kam und Schwierigkeiten deiner Heldinnenreise beleuchten wollte, hast du das galant umschifft und das Gespräch wieder auf die positive Sicht gelenkt! Das spricht dafür, dass das ein prägender Wesenszug von dir ist.


Um nochmal das Bild von der Fahrt aufzugreifen und an deinem Lebenswissen teilzuhaben. Wenn du auf die Fahrt deines bisherigen Lebens zurückblickst: Welche Eisberge würdest du rückblickend umschiffen? Worauf würdest du immer wieder Kurs nehmen?